1. Seit März 2010 sind zahlreiche Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen vor allem in katholischen Internaten und in der privaten Odenwald-Schule bekannt geworden. Opfer durchbrechen ihr oft jahrelanges Schweigen trotz Angst und qualvoller Schamgefühle. Es ist gut, dass dies endlich geschieht und gesellschaftliche Aufmerksamkeit findet. Die Betroffenen haben Anspruch auf bestmöglichen menschlichen, rechtlichen und fachlichen Beistand. Aufklärung, Hilfe und Vorbeugung müssen mit Entschiedenheit vorangebracht werden. Sexueller Missbrauch ist eine besonders verwerfliche Form der Gewalt und der Verletzung der Menschenrechte von Kindern. Er verletzt ihr Grundrecht auf körperliche und seelische Unversehrtheit und missbraucht ihr natürliches Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit. Das beschädigt ihr Grundvertrauen und ihre Bindungsfähigkeit – die wichtigsten Quellen gesunden Aufwachsens und zuversichtlichen Lebensmuts.

2. Wenn Heranwachsende sexuellem Missbrauch ausgesetzt sind, wenn ihnen Gewalt angetan wird und sie unter Verwahrlosung leiden, weil sie allein gelassen werden, so bedeutet das ein extremes Versagen der Erziehung und der Verantwortung Erwachsener. Besonders in pädagogischen Einrichtungen ist dies in mehrfacher Hinsicht zu verurteilen: als Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, als Vertrauensbruch gegenüber der Familie, als Verrat berufsethischer Prinzipien, als Abfallen von den Grundsätzen der Nächstenliebe und Seelsorge. Ausmaß und Häufigkeit dieses Versagens in Familien wie in kirchlichen oder weltlichen pädagogischen Einrichtungen müssen uns beschämen und wachrütteln. Es wird deutlich, dass Gesellschaft, Staat und Kirchen dauerhaft mehr für Kinder tun und für Erziehungsverhältnisse sorgen müssen, die ihrem Lernen und Aufwachsen förderlich sind und die auch ihre Eltern wirksam unterstützen. Durch den immer schnelleren Wandel verlieren viele junge Eltern die Sicherheit und unterstützende Umgebung, die sie selbst brauchen, um ihre Kinder mit Liebe, Geborgenheit und Zuversicht ins Leben zu begleiten. Hier sind Schule, Jugendhilfe und ihr Zusammenwirken mehr denn je gefordert.

3. Die derzeitige öffentliche und mediale Debatte über sexuellen Missbrauch in kirchlichen und anderen pädagogischen Einrichtungen ist in vieler Hinsicht zu begrüßen. Sie gibt den Betroffenen eine Stimme, beendet das Beschweigen und trägt dazu bei, dass es trotz rechtlicher Verjährung keine moralische Verjährung geben wird. Es ist gut, wenn auf diese Weise auch die Beteiligung von Verantwortungsträgern zum Thema wird, die durch Mitwissen, Vertuschen und Leugnen den Missbrauch begünstigt oder gedeckt haben. Aber diese Debatte birgt auch problematische Tendenzen und die Gefahr, dass die öffentliche Aufmerksamkeit von den Verbrechen an Kindern und Jugendlichen auf andere Themen verschoben wird. Es geht dann nicht mehr in erster Linie um Opfer und Täter, um Missbrauch begünstigende Einzelstrukturen, Konstellationen und Situationen, sondern um ganze Geistesrichtungen und Kultureinrichtungen, Organisationen und Instanzen, um „die” katholische Kirche, um „die” Landerziehungsheime oder um „die” Reformpädagogik. Manche Stimmen erwecken den Eindruck, sie hätten nur auf eine willkommene Gelegenheit für breite moralische Aggression gewartet. Mitunter werden ganze Verschwörungstheorien über gegenwärtige und historische Bildungszusammenhänge aufgebracht. Verbrechen einzelner werden auf Konzepte, Ideen und Milieus zurückgeführt. An die Stelle der Aufklärung tritt eine ideologische Kampagne, die den Opfern nicht hilft, die ihr Schicksal instrumentalisiert, die den Schaden, den die Täter angerichtet haben, noch vergrößert.

4. Wir alle dürfen uns von solchen Kampagnen nicht ablenken lassen. Die Verantwortungsträger in Staat und Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Kirchen, in Schulen, Kommunen und Bildungspolitik müssen ihre Aufmerksamkeit darauf richten, worum es wirklicht geht. Es geht um Hilfe für die Opfer. Es geht darum, konkrete Straftaten Einzelner aufzuklären und zu ahnden. Neben der Hilfe für Betroffene und der Bestrafung Schuldiger kommt es jetzt und künftig auf wirksame Vorbeugung an. Es muss institutionell gewährleistet werden, dass Kinder und Jugendliche ihren Anliegen, ihren Interessen und ihren Kümmernissen Gehör verschaffen können. Begleitende Aufmerksamkeit, Hinwendung und pädagogische Nähe sind dafür unerlässlich. Dazu ist es notwendig, generell in Schulen und überhaupt in pädagogischen Einrichtungen durch wirksame Instrumente professioneller Kontrolle und Selbstkontrolle, durch demokratische Öffnung und öffentliche Rechenschaft dafür zu sorgen, dass Überwältigung und Missbrauch in welcher Form auch immer, ob durch Erwachsene oder Gleichaltrige, verhindert werden können. Dafür geeignete und fachlich seit langem geforderte Maßnahmen in Schule und Lehrerbildung müssen endlich realisiert werden. Beispiele dafür sind: altersgemäße Aufklärung und Trainingsangebote für Kinder und Jugendliche; Gesprächsformen, in denen Kinder sich geschützt und verstanden wissen; Patenschaften von Älteren für Jüngere; ein erheblicher Ausbau der Elternarbeit; Eignungstests, Trainingsprogramme, studien- und berufsbegleitende Supervision sowie ein berufsethisches Regelwerk für Pädagogen.

5. Die neuen Richtlinien des Europarates fordern die Staaten auf, effektive Maßnahmen zur Überwindung der Gewalt aller Art gegen Kinder zu entwickeln und durchzusetzen und der Pädagogik entsprechende Aufgaben zu stellen. Es geht um das Wohl aller Heranwachsenden, um ihr “best interest”, wie es in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen heißt. In ihrem Interesse brauchen wir zukunftsweisende Erfahrungen, Erfindungen und Erkenntnisse all derjenigen, die unsere Schulen kindgerechter, fähigkeitsentfaltender, verantwortungsfördernder gestalten und in diesem Sinne reformieren wollen. Vieles davon knüpft an die verschiedenen Richtungen, Ideen und Modelle der historischen Reformpädagogik an, die bei aller Problematik mancher Ideen und bei aller Ungenauigkeit dieses Sammelbegriffes zumindest eines gemeinsam hatten und haben – dass sie mit großer Entschiedenheit die eigenen Perspektiven, die Entwicklung, die Rechte und Bedürfnisse von Kindern zur Grundlage und zum Ausgangspunkt pädagogischen Denkens und Handelns gemacht haben. Wir brauchen eine Pädagogik der Reformen gerade jetzt – als Qualitäts-Initiative, die sich an Fachlichkeit orientiert, also am Stand der pädagogischen Entwicklung in Wissenschaft und Praxis und an der Aufgabe, allen Kindern und Jugendlichen, jedem einzelnen, die bestmögliche Bildung zu gewähren. Dazu gehören Expertise, Transparenz, Öffentlichkeit, beispielgebende Einrichtungen und Personen.

 6. Jena versteht sich als ein Ort, für dessen Geschichte und Gegenwart pädagogische Reformen in Praxis und Wissenschaft von prägender Bedeutung sind. Stadt und Universität haben seit der friedlichen Revolution besondere Anstrengungen unternommen, Erziehung und Bildung demokratisch zu erneuern. Qualität, Vielfalt und Dynamik der heutigen pädagogischen Landschaft Jenas verdanken sich ganz wesentlich der entschiedenen Hinwendung zum Lernen und Leben der Kinder und Jugendlichen und der befreienden Ablösung von ideologisch bestimmten politischen und bürokratischen Zwängen sowie von überholten Unterrichts- und Belehrungsmustern. Es war und ist für diesen Prozess der Erneuerung sehr wichtig, sich aktiv an neuen Debatten und Entwicklungen zu beteiligen. Und es war ebenso wichtig, dass auch Konzepte und Modelle der während der DDR-Zeit teilweise verdrängten reformpädagogischen Tradition zugänglich gemacht und kritisch angeeignet werden konnten.

Stadt und Universität, pädagogische Einrichtungen und Öffentlichkeit Jenas wollen mit dieser gemeinsamen Erklärung ihre Entschlossenheit öffentlich bekräftigen, sich für eine Reform der Erziehung einzusetzen, die Heranwachsende stark macht, der Gewalt entgegenwirkt und Familien, pädagogischen Berufen und Einrichtungen geeignete Mittel dafür an die Hand gibt.

Jena im April 2010

Erstunterzeichner

Klaus Dicke (Rektor der Friedrich-Schiller-Universität Jena)
Peter Fauser (Lehrstuhl für Schulpädagogik/ Schulentwicklung)
Michaela Gläser-Zikuda (Institut für Erziehungswissenschaft)
Jürgen John (Historiker)
Frank Schenker (Bürgermeister und Dezernent für Familie und Soziales)
Albrecht Schröter (Oberbürgermeister der Stadt Jena)

Diese Personen habe die Jenaer Erklärung bereits unterzeichnet. Liste der Mitunterzeichner